Digital Gender Divide – kann mal bitte einer die Gender Gaps schließen?!

Gibt es geschlechterspezifische Differenzen, wenn es um die Auswirkungen von Digitalisierung auf Bildung, gesellschaftliche Teilhabe und Arbeiten geht?

Die Effekte der Digitalisierung werden in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen thematisiert. Wie wird Digitalisierung in Arbeitsverhältnissen behandelt, welche Auswirkungen hat Digitalisierung innerhalb der Bildung und welche Folgen hat das Internet in politischen Debatten? Wie sich jedoch Digitalisierung auf Geschlechterverhältnisse auswirkt, wird dabei allerdings häufig vernachlässigt.

Bezogen auf die Arbeitswelt ist daneben ein Trend eindeutig auszumachen. Durch neue und sich verändernde Strukturen unternehmerischer Arbeitsprozesse entstehen Lebensentwürfe, die es erlauben, sich zeitlich und emotional vollkommen auf ein Unternehmen einzustellen. Neue Technologien können diesen Umstand noch weiter befördern. Durch digitale Medien ist es möglich, auch außerhalb des Büros, ständig erreichbar zu sein und zeit- und ortsunabhängig auf Anfragen zu reagieren. Damit verschwimmen die Grenzen zwischen privatem und beruflichen Leben. Gleichzeitig schafft der Gebrauch neuer Medien aber auch eine höhere Mobilität und Flexibilität, die verschiedene Lebensbereiche vereinbar machen können. Das birgt für viele Berufszweige enorme Kapazitäten.

Digitalisierung ist einer der Megatrends, der maßgebliche gesellschaftliche Veränderungen mit sich bringt. Die Auswirkungen sind ähnlich enorm und unvorhersehbar, wie die der industriellen Revolution, die Lebens- und Arbeitsverhältnisse grundlegend revolutionierte. Nachdem sich private Selbstversorgerhaushalte aufzulösen begannen und Strömungen wie Landflucht und industrielle Erwerbsarbeit Arbeitsprozesse veränderten, arbeiteten Männer primär in Fabriken, während Frauen die Haushaltsarbeit und Kinderbetreuung übernahmen. Die räumliche Trennung von Wohn- und Arbeitsplatz legte eine Arbeitstrennung beider Geschlechter klar fest. Die Technisierung der industriellen Revolution entband die Frau also (wenn auch überspitzt formuliert) ihrer Gleichstellung innerhalb eines familiären bäuerlichen Selbstversorgerbetriebs. Stattdessen entwickelte sich über die kommenden Jahrzehnte die Rolle der Frau immer mehr zu der liebenden Ehefrau und fürsorglichen Mutter.

Jahre später entbanden technische Weiterentwicklungen wiederum zahlreiche Frauen von der starken haushaltlichen Fokussierung ihrer Arbeit. Immer mehr technische Haushaltshilfen (wie z.B. der elektrische Ofen oder die Waschmaschine) erleichterten tägliche Arbeitsprozesse, so dass Frauen Kapazität für Erwerbsarbeit aufbringen konnten. Auch wenn Frauen nun auch außerhalb der familiären Haushalte tätig waren, kamen die neugewonnenen Arbeitsverhältnisse noch keiner Geleichberechtigung zwischen Männern und Frauen nahe. Vielmehr schien durch Emanzipationsbestrebungen das Familienleben zu verfallen, die Rolle als Mutter und liebende Ehefrau geriet in Gefahr. Statt einer Förderung von rechtlicher und materieller Unabhängigkeit, sah man die weibliche Erwerbsarbeit vielmehr als „Befreiung der Hausfrau von den Mühen und Sorgen des Haushalts“ (Oliveira 2017:17) Zudem verrichteten Frauen im Vergleich zu Männern häufig niedere und / oder schlechter entlohnte Arbeiten. Viele weibliche Angestellten erledigten Arbeiten in Bereichen, die später durch Technisierung einer Umstrukturierung oder Rationalisierung zum Opfer fielen (z.B. waren Frauen häufiger als Männer Bedienerinnen in Telefonzentralen).

Ein also ohnehin bestehendes Ungleichgewicht, wird heute noch immer weiter verschärft, betrachtet man sich die Auswirkungen der Digitalisierung in verschiedenen Berufssparten. Da noch immer von typischen Männerberufen und Frauendisziplinen die Rede sein kann, ist festzustellen, dass Frauen zu höheren Anteilen innerhalb von Dienstleistungsberufen tätig sind. Und das sind genau die Arbeitsbereiche, die durch Digitalisierung eher negative Auswirkungen erfahren. Die Zukunft der Arbeitswelt unter dem Schlagwort „Industrie 4.0“ wird vorrangig in Berufen verhandelt, die auch heute zu den männerdominierenden Berufszweigen zählen (Maschinenbau, naturwissenschaftlich orientierte Berufe). Das lässt die Schieflage immer ungerader wirken und erweckt den Eindruck, dass Frauen heute zuweilen noch immer als „Dazuverdienerinnen“ gesehen werden.

Erschwerend hinzu kommt der Aspekt der Care Arbeit, der noch immer maßgeblich unter weiblicher Verantwortung liegt. Frauen fällt ein Wiedereinstieg in den Beruf nach einer Familiengründung schwerer, als es bei jungen Vätern der Fall ist. Noch immer pausieren mehr junge Mütter als Väter nach der Geburt eines gemeinsamen Kindes, lediglich 14% der Männer übernehmen eine partnerschaftliche Elternzeit und legen eine berufliche Pause ein. (vgl. Väterreport 2018) Gleichermaßen verhält es sich mit der Pflegezeit kranker und älterer Angehöriger. Auch hier übernehmen zu großen Teilen noch immer Frauen die Pflege. Care Arbeit von Kindern und Angehörigen erschwert also gerade weiblichen Arbeitnehmerinnen noch immer Karrieremöglichkeiten und Wiedereinstiege nach Eltern- und Pflegezeiten.

Die Chancen und Herausforderungen des Internets sind immer unter der Frage der gesellschaftlichen Teilhabe zu beantworten. Dazu zählen sozikulturelle Aspekte, Geschlecht, Einkommen, Bildungsstand und heute auch stark Elemente der Mediensozialisation. Dabei sollte Digitalisierung durch eine stärkere Individualisierung, Mobilisierung und Flexibilisierung zahlreiche der Aspekte, die zur Spaltung und Benachteiligung verschiedener Gruppen führt, aufbrechen und minimieren. Stattdessen geschieht jedoch häufig das Gegenteil, da gesellschaftliche Rollenbilder noch immer alte Frauengold-Werbesports in Erinnerung rufen, denn das Web 2.0 kann die stereotype Geschlechterbildung immer weiter verstärken. Zwar gibt es Experimente neue Geschlechteridentitäten durch das Internet zu schaffen und die Anonymisierung im Onlinebereich zu nutzen, doch gleichzeitig wird genau diese Wegrichtung im Social Media Bereich häufig erschwert. Während hier die Darstellung der eigenen Person und das Netzwerken mit Gleichgesinnten im Fokus steht, setzt Facebook beispielsweise auf die Pflicht, Klarnamen zur Registrierung zu nutzen. Davon scheint Suckerburg auch nicht abrücken zu wollen.

Leider fehlen zum Thema des Digital Gender Divide noch immer Studien, die sich sozialwissenschaftlich und vor allem empirisch diesem Thema annähern. Daher ist eine Schätzung und Beobachtung der Auswirkungen zum jetzigen Moment eher aus den Disziplinen der Arbeitssoziologie und Familienforschung verfügbar. Wie sich Bildung unter Digitalisierung hinsichtlich der Gleichberechtigung der Geschlechter entwickelt, bleibt abzuwarten. Auch Fragen nach der Förderung von Frauen innerhalb bisher männerdominierenden Berufszweigen bleibt bisher weitestgehend unbeantwortet.

Ich glaube, Digitalisierung allein schafft keine geschlechterspezifische Benachteiligung. Stattdessen können durch den Einsatz neuer Medien Potentiale geschaffen werden, die bisher benachteiligte Gruppen stärker an einer chancengleichen Teilhabe an gesellschaftlichen und arbeitsmarktorientierten Gegebenheiten ermöglichen. Dazu bedarf es allerdings einem gesellschaftlichen Umdenken, um diese Potentiale ausschöpfen zu können. Erst wenn Digitalisierung für eine bessere Vereinbarkeit verschiedener Lebensbereiche beiträgt, können die Chancen der Digitalisierung ihre Risiken aufbrechen. Zurzeit allerdings bestimmt der Aspekt der “Rund-um-die-Uhr-Arbeit” die Charakterisierung der Digitalisierung der Arbeit (vgl. Oliveira 2017)

Quellen:

https://www.bmfsfj.de/blob/jump/127268/vaeterreport-2018-data.pdf
https://www.boeckler.de/pdf/p_fofoe_WP_037_2017.pdf

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